Blick zurück – nach vorn / Eine Ausstellung von Brigitta Borchert in der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein

 

Keine Hängematte für Brigitta Borchert

 

Eine Anekdote vorweg. Die dritte Reise von Borchert mit dem Segelschulschiff Gorch Fock ging von Kiel aus nach Rostock. Gut vorbereitet ging sie mit einer Reisetasche und ihren Malutensilien bewaffnet an Bord des Ausbildungsschiffes der Marine, worauf ihr der Kommandant mitteilte, daß man ihr nicht zumuten könne, die Fahrt in einer Hängematte zu verbringen. Kurzerhand wurde getauscht. Ein Offizier tauschte seine Unterkunft mit der Hängematte und Brigitta Borchert erhielt die komfortable Einzelkabine. In dem ganzen Hin- und Hergewusel vergaß er jedoch sein privates Handy mitzunehmen. 

 

Brigitte Borchert vor Unterwegs notiert 

 

Brigitta Borchert vor „Unterwegs notiert“ 

Vor dem Museumskeller Einladung

 

Einladungskarte „Vor dem Museumskeller“ Schloß Gottorf  (2013)

 

Mitten in der Nacht klingelt dasselbe und Borchert meldet sich: "Brigitta Borchert?". Was dann passierte überlasse ich der Phantasie des Lesers dieser Zeilen. Die Reise wurde zu einem einzigartigen Erlebnis für die Künstlerin. Ob für den Offizier, das lassen wir mal dahingestellt.

 

Über die Künstlerin, die an diesem Abend in der Sparkassenstiftung zugegen war, gibt es viel zu berichten. Die Eröffnungsrede von Herrn Dr. Brandes-Druba vor zahlreichem Publikum gab einen ersten Eindruck von der Persönlichkeit der Künstlerin und deren Ausstrahlungskraft. Des Weiteren erfährt man einiges in der ausführlichen Laudatio von Frau Dagmar Rösner über den Werdegang, über das Künstlerumfeld und ihren Symposien.

 

Frau Brigitta Borchert, 1940 in Berlin geboren und aufgewachsen, stammt aus einer traditionellen Künstlerfamilie, in der schon ihre Großmutter 1896 nach dem Kunstlehrer-Examen als eine der ersten Frauen an der Kunstakademie in Paris studierte. Bekannte Malergrößen wie Picasso, Matisse, Beckmann, Liebermann, Larsson oder Zorn beeinflußten sie nachhaltig. Zurück in Riga gründete sie die Künstlerfamilie Borchert mit dem Maler und Aktzeichner Bernhardt Borchert, der nach dem Krieg 1945 als verschollen erklärt wurde. Brigitta Borcherts Vater Bernhard Wilhelm, wurde 1949 von Karl Hofer an die Kunsthochschule berufen und zum Professor ernannt. Die späteren Weggefährten von Brigitta Borchert, Johannes Grützke und Klaus Fußmann, zählten in der Zeit zu seinen Schülern.  

 

 

Die heute eröffnete Ausstellung ist eine Besonderheit. Einmal zum 75. Geburtstag der Künstlerin im März dieses Jahres und die erste Ausstellung ohne Arbeiten von ihren Gruppenmitgliedern. Den Norddeutschen Realisten, kurz auch NDR genannt, hier bitte nicht zu vergleichen mit der uns wohlbekannten und gleichnamigen Sendeanstalt, trat Brigitta Borchert 1991 während eines Symposiums bei.

 

Aber drehen wir das Rad der Zeit noch mal zurück. Brigitta Borchert entschloß sich mit 17 Jahren die Schule aufzugeben und Malerin zu werden. So studierte sie von 1957 bis 1962 Malerei und experimentelle Grafik bei Prof. Helmut Lortz am heutigen UdK in Berlin. Im Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr fand sie ihre erste feste Anstellung, wo sie für Graphik, Layout, Fotostyling und Illustration unter anderem für die Modezeitschrift "Brigitte" zuständig war. 1967 entschied sie sich freiberuflich tätig zu werden und arbeitete für verschiedene Agenturen und Verlage im In- und Ausland.

 

Mit dem Bezug ihres Ateliers 1972 in Kiel-Molfsee und dem Eintritt in den Bundesverband Bildender Künstler - kurz BBK genannt - startete sie ihre zweite Karriere. Skizzen ziehen sich dabei durch ihr gesamtes Werk bis heute. Beispielhaft die auf ihren Reisen entstandenen Skizzen der Gorch Fock oder die "Kieler Ansichten", die in dem Buch von 2002 "Kiel in Sicht" aus dem Wachholtz-Verlag - daß mittlerweile vergriffen ist - erschienen sind. Die Strukturen einer Stadt so zu skizzieren, daß sie einen hohen Wiedererkennungswert beim Betrachter zulassen, ist bei Borchert wie ein innerer Antrieb. Selbst in ihren Portraits, bei denen sie auch vor Künstlerkollegen keinen Halt macht, spiegeln sich der Charakter und die unterschiedlichen Lebensumstände der Person in den Augen der Besucher wider.

 

Gestoerte Verbindung 1982

 

 

Gestörte Verbindung (1982)

 

   Unterwegs notiert 2014 2015

 

Unterwegs notiert 2014 / 2015

 


Mit ihren mittlerweile weiterentwickelten Techniken erblühen Landschaften in einem anderen Licht - "Biotop an der Parabeldüne 2005", Menschenansammlungen schmelzen fast zusammen - "Kulturtouristen 1989" - oder driften auseinander - "Ende einer Veranstaltung 2013".  Pastellzeichnungen, Aquarelle, Acryl- oder Ölbilder aber immer wieder - Skizzen. Serien wie die 1991 entstandenen "Flensburger Skizzen" oder "Kurschatten" aus Bad Reichenhall von 2007 sind ein Zeugnis dafür.

 

Doch auch vor der neuesten Technik scheut sich Borchert nicht. Tablets - ihre, wie sie sagt  "Mobile Staffelei" - setzt sie ein, um ihre Handzeichnungen auf Alu-Dibond-Platten zu bannen. Dieser moderne Bildträger unterstützt, ihrer Aussage nach, zusätzlich ihre neuesten Werke in der Intensität - was in "Unterwegs notiert 2014/2015" oder "Larissa" bewiesen wird.

 

Gorch Fock 1999 1 

 

Gorch Fock 1999 2

 

Gorch Fock (1999)

 

In dem Interview mit dem Autor und Journalist Michael Legband erzählt die Künstlerin von ihren Erlebnissen und Eindrücken, die sie auf ihren Reisen erfahren hat. Das erste Betreten als Landratte an Bord der Gorch Fock, die schmalen Gänge und der militärische Ton waren eine völlig andere Welt für sie, die sie mit an die 100 Zeichnungen dokumentierte und in einem Skizzenbuch festhielt.

 

 

 

 

Kieler Opernhaus

 

 

Kieler Opernhaus

 

 

Wiege aller Politik 1990

 

Wiege aller Politik (1990)


Bei gleißender Sonne und bei Temperaturen um die 30° Grad wurde die Reise nach Lissabon auf dem Militärgelände der portugiesischen Marine zu einem einmaligen Erlebnis. Der rauhe Ton der Ausbilder neben dem atemberaubenden Blick auf den Atlantik war schon kurios genug. Zur Ausbildung gehört dazu, daß das Telefonieren auf Deck verboten ist und dieses Verbot strikt eingehalten wird. Durch das Unterbinden des Telefonieren auf Deck, versammelten sich daraufhin abends die Auszubildenden mit ihren Handys in Reih und Glied zur "Handy-Meile" auf der Mole vor der untergehenden Atlantiksonne, um  den Daheimgebliebenen Bericht zu erstatten - ein wahrhaft merkwürdiger Anblick. Mit ihren eingefangenen Abendstimmungen und Nachtbildern, war es wohl die spektakulärste und eindrucksvollste Reise, von der sie heute noch schwärmt.

 

Knautschzone 1981

 

Knautschzone (1981)

 

  Arbeitssituation 1982

 

 Arbeitssituation (1982)

 

Das einmal im Jahr, damals noch im Kulturzentrum Salzau, statt findende Schleswig-Holstein Musik Festival, wurde von der Künstlerin in den extra eingerichteten Proberäumen vor den Aufführungen eingefangen. Diese Stimmungen in der Musik, bei den Dirigenten, Musikern oder Instrumenten wurden von ihr 2001 skizzenhaft porträtiert und auf Papier gebracht. Darunter auch Größen wie Christoph Eschenbach, Heinrich Schiff und der Finne Esa-Pekka Salonen.

 

Eigentlich sollte die Reise nach China gehen doch nach Anfrage an den damaligen Finanzminister Ralf Stegner, der danach in seinem Haushaltssäckel nachforschte, verkürzte sich die Reise drastisch um einige Kilometer - nach Finnland. Finnland - das Land der tausend Seen und Wälder und die Heimstatt von einem ihrer größten Komponisten. Dort angekommen und auf den Spuren von Aino Sibelius wandelnd geht es in die Sibeliusvilla "Ainola",  die heute ein bekannter Wallfahrtsort ist und als Museum ausgearbeitet wurde. Die, im Jugendstil gebaute und idyllisch gelegene Villa, verewigte Brigitta Borchert mit Gouache und Pastellkreide. Fast hätte man sie vergessen und sie würde vielleicht noch heute dort sitzen in der warmen Abendsonne, wenn die Kustodin sie nicht dort aufgespürt hätte.

 

Parlamentsmalerei. So tot wie das Wort auch klingen mag, dahinter verstecken sich auch menschliche Wesen. Diese Erfahrung mußte auch unsere Künstlerin auf einem Symposium als "Außenstehende" machen. Beobachtungen von Parlamentsdienern, Politikern und ihren Delegierten, Technikern, Presseleute und Besuchergruppen sind, von oben von der Empore herab betrachtet, eine sehr eigenwillige Spezies. Die Aussagen von sehr bekannten deutschen Politikern: "Können sie nicht wieder kommen und malen, wenn hier nichts los ist"; oder: "Müssen sie denn ausgerechnet hier malen" läßt gewisse Zweifel aufkommen an die Ernsthaftigkeit einiger Herren über ihre kulturellen Verpflichtungen. Parteigehabe, aber auch die Hektik dieses "Alltags" zu erfassen, gelingt ihr 2006 mit lavierten Federzeichnungen in "Studien im Bundesrat".

 

Borcherts Bilder, auf kaschierter Hartfaser mit der Zeitung "Frankfurter Allgemeine" in Tempera / Pastell, "Restsonne über dem Bundesrat-Hortensiengarten", "Wandelhalle im Berliner Bundesrat" und "Zwischen den Säulen" sind dabei Zeitzeugnisse. Beim näheren Hinsehen des Betrachters erscheint das durchscheinende Datum des Gedruckten und gibt Aufschluß über den Zeitpunkt des Entstehens dieser Werke. Trotz aller Unbill genießt sie die Aura die sie im Plenarsaal des Bundestags erfährt. Es hat doch etwas Magisches, was sich beim Septemberwetter in diesem lichtdurchfluteten Raum entwickelt. "Blick zurück - nach vorn". Der Titel dieser Ausstellung läßt dem Besucher und dem Leser die Hoffnung, daß es noch weit nach vorne geht. Denn auf ihren Abenteuerreisen gibt es noch vieles zu entdecken - und zu skizzieren.

 

Eschenbach probt in der Musikscheune 2001 

 

Eschenbach probt in der Musikscheune (2001)

 

Gorch Fock 1999 3

 

 Gorch Fock (1999)

 


Da kann man nur sagen: "Vielen Dank Frau Brigitta Borchert für diesen wundervollen Abend, Vernissage und zu diesem guten Gespräch mit ihrem exzellenten Interviewpartner Michael Legband".

Leider konnte aus Platzgründen verständlicherweise nicht alles in diesem Artikel niedergeschrieben werden. Aber mehr gibt es noch in dem zur Ausstellung erscheinenden 34. Band aus der Reihe "Ars Borealis". In diesem Katalog sind viele Texte zu den einzelnen Symposien von der Künstlerin selbst verfaßt.


Diese Ausstellung der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein ist noch bis zum 10. Juli 2015 im Gebäude der Sparkassenakademie Schleswig-Holstein, Faluner Weg 2, 24109 Kiel, werktags von 09:00 – 16:00 Uhr und Freitags bis 14:30 Uhr, zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.


Text + Fotos: Wilfried Likuski, Redaktion mettenhof.de

Alle Bilder © Brigitta Borchert

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