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Integration von Flüchtlingen: Fakten und Konzepte

 

Die Integration der nach Kiel geflüchteten Menschen ist eine große Aufgabe für die Stadtverwaltung, die Stadtgesellschaft und die Flüchtlinge. Die Landeshauptstadt Kiel hat dafür alle haupt- und ehrenamtlichen Kräfte gebündelt.

Aktuelle Informationen zu den Fakten und Konzepten der Integrationsarbeit:

Eine besondere Herausforderung stellte und stellt die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge dar. Im Jahr 2015 fanden in Kiel insgesamt 672 Inobhutnahmen durch das Jugendamt statt. Im Vorjahr waren es lediglich 55. Aufgrund dieses stark gestiegenen Bedarfes an Betreuung und Versorgung der Minderjährigen in Einrichtungen der Jugendhilfe, befasste sich die Verwaltung im Jahr 2015 intensiv mit der Suche und Erschließung neuer Wohngruppen in Kooperation mit freien Trägern der Jugendhilfe und dem Umland.

 

 

 

 

Um die Betreuung und Unterbringung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zu verbessern, werden gegenwärtig neue Einrichtungen im Pötterweg und auf dem Gelände am Schusterkrug gebaut. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) wird in besonderen Fällen an individuellen Lösungen für den Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen gearbeitet. Mittelfristig wird angestrebt vermehrt Patenschaften zu ermöglichen und so Engagierten die Möglichkeit zu geben, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beim Ankommen in Kiel zu unterstützen.

Im Laufe des Jahres 2015 wies das Land Schleswig-Holstein Kiel 2.989 Asylsuchende zu, davon 2.129 Erwachsene und 860 Kinder. Die Verwaltung verfolgt grundsätzlich das Ziel, die Asylsuchenden dezentral in Wohnungen im Stadtgebiet unterzubringen. Neben dem auf dem Wohnungsmarkt frei verfügbaren Wohnraum stehen 352 Wohnungen in städtischer Verwaltung und 78 Ersatzwohnräume zur Verfügung. Insgesamt konnten so 1.342 Menschen dezentral untergebracht werden. Um die große Zahl der zugewiesenen Asylsuchenden beherbergen zu können, wurden Gebäude als Gemeinschaftsunterkünfte auf dem Gelände am Schusterkrug und in der Wik hergerichtet. Dort entstehen insgesamt 1.800 weitere Unterbringungs¬möglichkeiten. Darüber hinaus wurden 417 Antragsteller in zehn kleineren Wohneinheiten untergebracht.

 

 

Geflüchtete in Kiel, die weder Asyl noch ein sonstiges Aufenthaltsrecht erhalten, müssen Deutschland verlassen. Gehen diese Menschen nicht freiwillig, erfolgt die Abschiebung. Im Jahr 2015 wurden durch die städtische Zuwanderungsabteilung (Immigration Office) insgesamt 30 Abschiebungen vorgenommen, zahlreiche Verfahren laufen noch. Auf allen Ebenen, bei Bund, Land und in Kommunen, behindern unter anderem personelle Engpässe die Verfahren. Daher hat die Stadtverwaltung in der zweiten Jahreshälfte die Zahl der Mitarbeiter, die für Abschiebungen zuständig sind, auf vier Personen verdoppelt. Darüber hinaus verstärkt seit Januar 2016 ein Mitarbeiter das Team im Bürger- und Ordnungsamt, ein weiterer wird im Jahresverlauf folgen, um die Verfahren auf kommunaler Ebene zu beschleunigen. Einer Abschiebung entgegen stehen häufig fehlende Ausweisdokumente oder krankheitsbedingte Reiseunfähigkeit und Selbstmordgefährdung der Betroffenen. Ziel der Verwaltung ist es für 2016 unter anderem die freiwillige Ausreise von Flüchtlingen zu fördern. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Zuwanderungsabteilung 90 Fälle freiwilliger Ausreise. Eine große Aufgabe ist die bessere Abstimmung der Verfahren mit dem Land.

Auf ihrer Flucht kamen im Jahr 2015 Tausende Flüchtlinge, auch aufgrund der Fähranbindung an Skandinavien, in die Schleswig-Holsteinische Landeshauptstadt. Die Unterbringung dieser Transitflüchtlinge war eine große Herausforderung für die Stadtverwaltung, die sich nur im konstruktiven Zusammenwirken mit Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisationen und Freiwilligen bewältigen ließ. Etwa 7.000 Flüchtende wollten 2015 von Kiel nach Schweden reisen und aufgrund der beschränkten Plätze auf den Fähren mussten etwa 20.000 Übernachtungen ermöglicht werden. Die höchste Zahl lag bei 870 Personen in einer Nacht. Da die Kapazitäten des Markthalle-Gebäudes als Unterbringungsort zwischenzeitlich nicht ausreichten, musste das leer stehende C&A Gebäude von der Stadtverwaltung sichergestellt werden. Seit Weihnachten 2015 ist die Zahl der Transitflüchtlinge aufgrund der sehr eingeschränkten Möglichkeiten der Einreise nach Skandinavien drastisch zurückgegangen. Gegenwärtig übernachten Transitflüchtlinge in der Jugendherberge auf dem Ostufer. Die mit Übernachtungsmöglichkeiten und Tagesbetreuung in Kiel verbundenen Kosten betrugen insgesamt knapp 900.000 Euro. Die Stadt erwartet vom Land eine Kostenerstattung von 300.000 Euro.

Für das Jahr 2016 ist keine verlässliche Prognose über die Höhe der Zuweisungen möglich. Die Landeshauptstadt geht daher bei ihren Planungen von den Zahlen des Vorjahres aus. Zur Unterbringung der Neuantragsteller prüft die Stadtverwaltung Standorte für Container-Siedlungen im gesamten Stadtgebiet. Zu den bereits in der Umsetzung (Schilksee) beziehungsweise Prüfung (Suchsdorf) befindlichen Plätzen sucht die Verwaltung Flächen für die Unterbringung von 1.500 weiteren Menschen, um auf erneute Zuwanderungen schnell reagieren zu können. Mitte Februar wird zudem eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Kiel eröffnet (Wik/Düsternbrook).

 

Tendenziell steht gegenwärtig zu wenig Wohnraum im Kieler Stadtgebiet zur Verfügung und die Verknappung günstigen Wohnraums ist besonders spürbar für Wohnungslose, Studierende und Menschen mit einem geringen Einkommen. Der Masterplan Wohnen sieht vor, dass jährlich 800 Wohnungen entstehen sollen. Durch den Zuwachs an Flüchtlingen entsteht bis Ende 2017 voraussichtlich ein zusätzlicher Bedarf von 1.800 Wohnungen. Auch in eigener Bautätigkeit beabsichtigt die Stadt, in erheblichem Umfang weitere Wohnungen nach dem Kieler Modell zu schaffen. Die Verwaltung ist mit den Akteuren der Wohnungswirtschaft im Gespräch und lokalisiert Flächen, die für eine Ausweisung als Bauland geeignet sind.

Die Integration der Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt ist eine wichtige Aufgabe. Grundsätzlich erlaubt der rechtliche Rahmen lediglich Asylberechtigten den uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Asylbewerbern und Geduldeten steht dieser nicht ohne Weiteres offen. Viele der eingereisten Arbeitssuchenden haben keine oder nur geringe Kenntnisse darüber, wie der deutsche Arbeitsmarkt funktioniert. Zudem unterscheiden sich viele der in Deutschland gängigen Berufsbilder von denen in den Herkunftsländern. Durch zusätzliches Personal in der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter sowie mit der Einrichtung einer gemeinsamen Servicestelle, die das Bindeglied zur Stadtverwaltung herstellt, soll diese Aufgabe bewältigt werden. Im Rahmen eines Profilings werden die Kompetenzen der Arbeitssuchenden in den kommenden Monaten besser ermittelt. Flüchtlinge sollen zudem die Möglichkeit erhalten, sich durch Praktika und Hospitationen, begleitet durch Mentoren der Kieler Hochschulen, ein besseres Bild von ihren Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt machen zu können. Auf drei Monate befristeten Arbeitsgelegenheiten (MAE) sollen 500 Personen im Jahr 2016 die Möglichkeit geben, praktische Erfahrungen in einem Beruf zu sammeln.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spracherwerb ist das zentrale Instrument für eine nachhaltige Integration. Allerdings erhielten Flüchtlinge 2015 erst mit ihrer Anerkennung durch das BAMF Zugang zu den kostenpflichtigen zertifizierten Kursen. Seit Herbst 2015 steht Asylsuchenden aus den Ländern Iran, Irak, Syrien und Eritrea vor der Anerkennung das Anmeldeverfahren für Sprachkurse des BAMF oder der Agentur für Arbeit offen. Gezeigt hat sich jedoch, dass das langwierige Anmeldeverfahren und fehlende Personalkapazitäten bei Seminarleitungen dafür sorgen, dass viele Lernwillige lange auf den Zugang zu Kursen warten müssen. Durch das große Engagement von Freiwilligen und Bürgerinitiativen konnten sich Flüchtlinge in Kiel dennoch grundsätzliche Sprachkompetenz aneignen. Ziel der Stadtverwaltung ist, dass Sprachkurse für möglichst viele Asylsuchende kurzfristig angeboten werden. Dabei sollen die Kurse auch Orientierungsthemen behandeln und eine Orientierungshilfe bieten. Um einen möglichst hohen Wirkungsgrad zu erreichen, soll der Bildungsstand der Kursteilnehmer in Bezug auf Alphabetisierung, Vorbildung und berufliche Kenntnisse bei der Gestaltung der Kurse stärker Berücksichtigung finden. Dabei übernimmt die Verwaltung die Koordination aller Bemühungen und wird weiter Initiativen unterstützen, die ehrenamtliche Sprachlehrer begleiten und vermitteln.

 

Gegenwärtig arbeitet die Verwaltung an einer bedarfsgerechten Ausweitung der Angebote zur frühkindlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege, um diese für Flüchtlingskinder zu öffnen. Eine große Aufgabe liegt darin, schnell eine Infrastruktur bereitzustellen und Angebote zu schaffen. In Kooperation mit freien Trägern der Jugendhilfe werden pädagogische Angebote zur Kinder- und Jugendbetreuung in den Gemeinschaftsunterkünften (Schusterkrug, Wik) gemacht. Auch die Doppelnutzung von Räumen zu unterschiedlichen Tageszeiten und die Einrichtung eines Bus-Shuttles zwischen verschiedenen Stadtteilen sind angedacht, um die zur Verfügung stehenden Ressourcen besser zu nutzen.

Auch für Kinder und Jugendliche ist der schnelle Erwerb ausreichender deutscher Sprachkenntnisse die Grundvoraussetzung für Integration und schulischen Erfolg sowie berufliche Orientierung. Eine fundierte Sprachförderung für Kinder- und Jugendliche mit Fluchterfahrung in Kiel erfolgt in DaZ-Zentren (Deutsch als Zweitsprache) in Schulen und Regionalen Berufsbildungszentren (RBZ). Nach dem Besuch von DaZ-Basisklassen und Integrationsstufen sind Flüchtlingskinder bei regelmäßiger gesonderter Sprachförderung bereit, am Unterricht in Regelklassen teilzunehmen. Im Dezember 2015 gab es an den Kieler Schulen 38 Klassen mit 644 Schülerinnen und Schülern (330 Primarstufe, 314 Sekundarstufe). An den drei Regionalen Berufsschulzentren werden 437 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Insgesamt lernen an Kieler Schulen und Bildungszentren 1081 Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung.

Ehrenamtliches Engagement ist ein unverzichtbarer Grundstein für gelingende Integration. In Kiel ist mit „Kiel hilft Flüchtlingen“ eine große Bürgerinitiative entstanden. Viele weitere Akteure in den Verbänden, Vereinen, Beratungseinrichtungen sowie den Kirchen kümmern sich um die Integration der Flüchtlinge. Die vielfältigen Aktivitäten des freiwilligen Engagements reichen von Spenden und Einrichtung von Unterkünften über Sport- und Freizeitaktivitäten bis zu Lotsentätigkeit und dem Angebot von Sprachkursen. Die Stadtverwaltung hat im Amt für Wohnen und Grundsicherung eine Koordinierungsstelle eingerichtet, um die vielen Hilfsangebote miteinander in Einklang zu bringen. Zu den Aufgaben gehört es, die Netzwerkarbeit der Freiwilligen und der Betreuungsträger sowie die Arbeit anderer Behörden miteinander zu verzahnen.

Projekte der Toleranzförderung, Rechtsextremismus-Prävention und Willkommenskultur tragen maßgeblich zur Integration und Akzeptanz Geflüchteter bei. Im Zeitraum von 2011 bis 2015 wurden 175.000 Euro kommunaler Mittel für die Umsetzung von 120 Projekten aufgewendet, die zudem mit 441.000 Euro durch den Bund gefördert wurden. Der Fokus hat sich seit 2014 von der Toleranzförderung zur Flüchtlingsarbeit und Willkommenskultur verlagert. Für das Jahr 2016 stehen der Verwaltung 85.000 Euro Haushaltsmittel für Projekte zur Förderung der Flüchtlingsarbeit und Willkommenskultur zur Verfügung.

Beispielhaft für die Aktivitäten der Verwaltung ist das „Lotsenprojekt“: Menschen mit Fluchterfahrung werden im Rahmen des Projektes dabei unterstützt, neu angekommene Geflüchtete bei den ersten Integrationsschritten zu begleiten. Derzeit sind in Kiel 32 Lotsinnen und Lotsen aktiv. Das Projekt, das von der Bundesregierung zur Nachahmung empfohlen wird, wird seit 2014 von der Stadtverwaltung und der Partnerschaft für Demokratie finanziert. Die Organisation übernimmt die Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten (ZBBS). Ein kürzlich erschienenes Kinderbuch beschreibt die Flucht und das Ankommen aus Kindersicht in deutscher und arabischer Sprache. Das von der Stadt geförderte und von Dr. Hassan Humeida verfasste Buch soll künftig im Rahmen von Lesungen an Kinder auf dem Ostufer verteilt werden.

 

 

 

 

 

 

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